Der Geusenbote

Palmzweige, begründet von W. Ziethe, weiland Prediger an der Parochialkirche zu Berlin.

Druck von Gebr. Unger in Berlin, Bernburger Str. 30

Zie ook Schakel-Kontakt 2026-3, pagina 8

Der Herbst des Jahres 1571 war rauh und stürmisch, besonders in der Gegend der Rheinmündungen. Dort hatten die Winde freien Spielraum und peitschten die Wellen zu weißem Gischt empor.

Da wo die Maas, der mächtigste Nebenfluß des Rheins, sich in die Waal, den breitesten Arm des Rheins, ergießt, liegt die kleine, aber starke Feste Löwenstein. Sie war einer der Hauptstützpunkte der Spanier, deren Herrscher, der finstere Philipp ll, die evangelischen Niederländer durchaus wieder zum katholischen Glauben zurückführen wollte. Aber diese waren entschlossen, dem Evangelium treu zu bleiben. Sie hatten einen geheimen Bund, den sogenannten Geusen- oder Bettlerbund, geschlossen, indem sie einen von ihren Feinden angewendeten Spottnamen als Ehrenbezeichnung annahmen, Als Abzeichen trugen sie eine kleine silberne Münze, den sogenannten Geusenpfennig. Ihr Streben ging auf vollständige Losreißung der Niederlande von Spanien. Als ihr Haupt sahen sie den Prinzen Wilhelm von Oranien an, der im Auslande ein Heer für den Freiheitskampf warb.

Die Spanier waren erklärlicher Weise von großem Zorn gegen die Geusen erfüllt. Wehe dem Unglücklichen, der in ihre Hände fiel! Der Tod am Galgen oder durchs Rad war ihm gewiß.

Nahe bei Löwenstein befand sich eine Fähre, welche den Verkehr zwischen beiden Ufern der vereinigten Ströme vermittelte. An der rechten Seite stand das steinerne Fährmannshaus, in welchem der Fährmann Jan Robbart mit seinem Weibe Grita wohnte. Da er am Tage saure Arbeit getan, hatte er sichs am Abend bequem gemacht, den härnenen Kittel mit einem weichen Schlafrock vertauscht und die Füße in warme Fılzschuhe gesteckt. Die Frau bereitete am Herde eine appetitliche Brotsuppe mit Speck. Zwischen den beiden Leuten wurden nur wenige Worte gewechselt. Ihr einförmiges Leben, das Tag für Tag in gleichem Kreislauf sich abwickelte, gab wenig Stoff zur Unterhaltung. Ab und zu brauste ein Windstoß über das Dach und machte das Herdfeuer hell aufflackern.

Da ertönte plötzlich ein Geräusch. Es war, als wenn jemand an der Haustür rüttelte. Der Mann erhob sich langsam und brummte unwillig vor sich hin. Er öffnete das verquollene Fenster und schrie hinaus: „Wer ist da?“

„Ein Reisender, welcher über den Strom will”, lautete die Antwort.

„Kommt morgen in der Frühe wieder,” sprach der Fährmann unwirsch. „Dann wird besseres Wetter sein.”

„So lange kann ich nicht warten, denn ich habe große Eile.”

„Wisset ihr auch, daß die Nachtfahrt den dreifachen Satz kostet?”

„Fordert, was ihr wollt, ich zahle jeden Lohn. Nur eilet, daß ihr mein Anliegen erfüllet; denn ich bin von großer Not getrieben.”

Jan Robdart beugte sich weit hinaus und erkannte im fahlen Mondlicht, das durch die Wolkenrisse schimmerte, eine hohe, in einen weiten Mantel gehüllte Gestalt, deren Gesicht ein breiter, tief herabgezogener Schlapphut beschattete.

„Hm”, meinte der Fährmann, der keine Neigung hatte, sich in seiner Ruhe stören zu lassen, „man verfolgt euch wohl, daß ihr zu so außergewöhnlicher Zeit meine Dienste begehret? Habt ihr etwas Strafbares begangen, Menschenblut vergossen oder Feuer angezündet? Mit Mördern oder Brandstiftern habe ich nichts zu schaffen!”

Hier mischte sich Frau Brita ins Gespräch.

„Was gehet es dich an, welche Ursache den Herrn zu seiner Reise treibt? Gehörst du etwa zur Inquisition, daß du ihn so ausfragst? Tue, was er heischt, wenn er dirs reichlich vergilt.”

Der Fremde war nahe ans Fenster getreten und rief hinein: „Recht so, gute Frau. Kann man nicht auch um andrer Dinge willen fliehen müssen in dieser sturmbewegten Zeit? Fährmann, ihr habt mir mit eurem Verdachte schweres Unrecht getan. Seht hier den Geusenpfennig, der euch alles sagt. Ihr wisset, wie hart man diejenigen verfolgt, die ihren Glauben und ihr Vaterland lieb haben. Seit vierundzwanzig Stunden ist der Abt von St. Michael zu Utrecht mit seiner Rotte hinter mir her, daß er mich fange und dem Blutgericht überliefere. Wollt ihr ihm gefällig sein und euch vielleicht noch einen höheren Lohn verdienen, als ich zahlen kann, so verhaftet mich und gebt mich in seine Hände!“

„Nein, bei Gott, nein!” schrie da der Fährmann, dessen träge Ruhe plötzlich einer großen Behendigkeit wich. „Um dieses Namens willen fahre ich euch dreimal umsonst über den Fluß, und sollte es noch viel ärger stürmen. Meine Frau wird euch das Haus öffnen, daß ihr nicht im Freien zu stehen braucht, während ich die Arbeitskleider anlege.”

Der Fremde war dafür dankbar und nahm auch mit Vergnügen einen Napf Brotsuppe entgegen, den ihm Frau Grita reichte. Nach etwa fünf Minuten war der Fährmann fertig. Er schöpfte rasch das Regenmwasser aus dem Kahne, nahm die große Ruderstange und stieß vom Lande. Das Wetter hielt eine Weile mit seinem Toben ein, so daß das Fahrzeug sanft über die Flut glitt.

„Ihr habt wohl mit dem Abte einen Streit gehabt?“ begann der Fremde, welcher sich auf der vordersten Bank niedergelassen hatte. „Jedenfalls war euch der Mann nicht unbekannt und ging euch wie mir schien, hart an die Leber.“

“Ja,” meinte der Angeredete, „ich habe einen Haß wider ihn, den Bluthund der Inquisition, obwohl ich sonst ein guter Katholik bin und es nicht mit der Partei der Ketzer halte. Aber mich ekelt es an, wenn jemand unter der Maske der Religion gemeinen Absichten Raum gibt. Von der Sorte ist der Abt. Lasset es euch erzählen, wie er es treibt. — Hatte ich da in Utrecht einen Iieben Herzensfreund, einen Schuhmacher, Namens Hausden, der seine Familie ehrlich und redlich mit seiner Hände Arbeit durch Leben brachte und keinem Menschen etwas zu Leide tat. Seit Jahren standen wir uns nahe, weshalb er mich bei seinem Töchterchen Mariandel zu Gevatter bat. Der Mann wandte sich der neuen Lehre zu, was unsere Freundschaft nicht vermindert hat; denn wisset, Herr, in Glaubensachen muß man zurückhalten und jedem Menschen überlassen, wie er mit seinem Gott zurechtkommt. Für sein mühsam erspartes Geld kaufte er sich eine Bibel. Wenn er sie auch nicht selber lesen konnte, so verstands doch sein ältester Sohn, welcher gern ein Magister werden wollte. Andre Leute kamen dazu und haben sich auch daran erbaut. Das hat der Pfaffe herausbekommen, in dessen Sprengel der Schuster wohnte. Er hats an der Einbuße am Beichtgroschen und Festopfer gemerkt, darum hat ers dem Abt von St. Michael gemeldet, der wieder die Inquisition in Bewegung setzte. Bei Nacht und Nebel hat man den alten und den jungen Hausden aus den Betten geholt und ins gemeine Gefängnis geworfen. Die Frau aber und die drei kleineren Kinder hat man mit wenigen Habseligkeiten auf einen Wagen gesetzt und des Landes verwiesen. Ich war gerade in Utrecht, als das vorging. Um mich nach der Ursache zu erkundigen, gehe ich an den Wagen heran. Da erkennt mich das Mariandel, streckt flehend die Patschhändchen nach mir aus und ruft: „Hilf uns, Ohm Jan!” Wie das der rohe Fuhrknecht sieht, nimmt er die Peitsche und schlägt nach dem Kinde, daß es gleich einen roten Blutstreif über sein Gesichtchen bekommt. Herr, ich sage euch, erwürgen hätte ich den Unmenschen mögen! Aber was ist er anders als ein Henkersknecht, der tut, was seine Oberen ihm befohlen haben. So habe ich ihn denn kräftig zurechtgewiesen. Und was hat er geantwortet? „Das Ketzerpack verdiene es nicht besser” Als ob solch ein Kindlein für der Eltern Glaubenssachen verantwortlich sei!”

Der Fremde stützte das Haupt in die Hände und seufzte. Dann versetzte er:

„Leider sieht man solches Elend jetzt in den großen Städten Tag für Tag. Doch hoffe ich, daß einmal die Stunde der Erlösung schlagen wird, da Holland befreit aufatmet von Friesland an bis Limburg. Wer weiß, wie nahe die Hilfe schon ist! Hat der Herr nicht gesagt: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zornes ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich dein erbarmen. (Jes. 54, 7.8). Das ist mein Trost, lieber Freund, und auf dies Wort bauen mit mir alle Glieder des Geusenbundes.“

Der Fährmann sann nach. „Ein herrlicher Spruch,” meinte er; „aber woher wisset ihr, daß Gott so gejagt hat?“

„Er steht in der Bibel.“

„Das muß ein köstliches Buch sein. Sonst würden ja auch nicht so viele brave Leute Gut, Blut und Leben darum lassen. Gern möchte ich auch einmal darin lesen, wenn es nur nicht so streng verboten wäre.”

“Nur die Pfaffen verbieten das Bibellesen, nicht die Kirche oder der liebe Gott“, entgegnete der Fremde. „Unser Herr Jesus Christus hat ausdrücklich befohlen: Suchet in der Schrift! Sie ist es, die von mir zeuget. — Die ersten Christen haben fleißig in der Bibel gelesen. Dann sind die Pfaffen gekommen und haben das Bibellesen verboten, damit man ihre Irrlehren nicht aufdecke.”

„Denn das so ist, dann sieht die Sache anders aus,” sagte nachdenklich der Fährmann. „Ich wollte mir schon eine kaufen, wenn sie nur nicht so schwer zu haben wären!“

„Da kann geholfen werden”, meinte der Fremde. „So Gott mir die Reise gelingen läßt, und ich nach dem Vollbringen meines Werkes wieder bei euch vorsprechen darf, so will ich euch eine Bibel als Fährlohn bringen. Ist es euch recht, so schlaget ein.”

Über das Angesicht des rauhen Schiffers ging ein freudiges Leuchten.

„Herr, das ist zu viel; das ist ein fürstlicher Lohn. Doch wohlan, es sei um das kostbare Buch. Vielleicht kann ich euch noch weitere Dienste tun und dadurch einen Teil der Schuld abtragen, die ich gegen euch habe. Wenn ihr zu mir Vertrauen habt, so offenbaret mir, wohin ihr wollt, damit ich euch Rat und Weg weise; denn ich kenne die Umgegend wahrscheinlich besser als ihr.“

„Dies Wort hat euch der Herr eingegeben,“ rief der Fremde aus. „So wisset, daß ich ein vertrauter Bote des Prinzen Wilhelm von Oranien bin, welcher eine große Heeresmacht zu Lande und zu Wasser sammelt, um das Vaterland zu erlösen. In seinem Auftrage habe ich die Provinzen Holland, Utrecht und Gelderland bereist, die Getreuen besucht und ermahnt und mich von den Fortschritten der Verschwörung wider die Spanier überzeugt. Auch habe ich mit den Führern des Geusenbundes, den Herren von Vianen und Montfort, verhandelt und von ihnen wichtige Pläne und Verzeichnisse erhalten, die ich dem Prinzen überbringen soll. Zunächst will ich mich nach Oostenhout wenden, wo ich einige Bekannte habe, die ich bitten will, mich in die Nähe von Bergen op Zoom zu geleiten, wo mich ein Schiff erwartet. Sicher hätte ich meine Reise ohne Hindernis vollendet, wenn ich nicht zufällig in einer Schenke mit dem schlitzäugigen Pfaffen zusammengetroffen wäre, welcher mich trotz meiner Verkleidung erkannte. Seit ein paar Jahren hat er eine besondere Tücke auf mich, weil ich zwei Klosterbrüdern, die ihm untertan waren, zur Flucht verhalf. Der Herbergswirt belauschte ein Gespräch des Abtes mit seinen Begleitern, wie sie mich fangen wollten. Er verriet mir den Anschlag und ließ mich durch ein Hinterfenster entspringen. Jedenfalls wird der Pfaffe mir nachsetzen, da er Wind von meinem Treiben bekommen hat.

„Herr, seid unbesorgt“, antwortete der Fährmann, indem er das Boot nach dem Lande hinlenkte. „Ich werde die geistliche Spürnase schon auf eine falsche Fährte bringen. Ehe der Irrtum entdeckt ist, schwimmt ihr längst auf dem Wasser.“

Die beiden Männer verabschiedeten sich durch kurzen Händedruck, und der Fremde verschwand im Dunkel der Nacht.

Als der Fährmann zurückkehrte, erblickte er einen Trupp von sieben Leuten, welche in großer Ungeduld mit Frau Grita verhandelten. Als der Kahn ans Land stieß, drängten sie sich hastig herzu.

„Was zögerst du so lange?” rief zornig ein dicker Mann in schwarzer Kutte, in welchem Jan Robbart den Abt von St. Michael erkannte. „Seit einer halben Stunde harren wir hier!”

Der Gescholtene stützte mit gut geheucheltem Bedauern den Kuttenärmel des Abtes und sprach: „Ich bitte untertänigst um Entschuldigung. Wie konnte ich ahnen, daß um diese Zeit so hohe Fahrgäste meines Dienstes begehren würden? Zudem geht der Strom hoch und der Wind ist zuwider.

Auch sind die Merkzeichen im Wasser schlecht zu erkennen; doch will ich mein mögligstes tun, um mein Versäumnis gut zu machen. Vielleicht kann einer der Herren im Rudern Hilfe leisten? Dann dürfte der Übergang schneller von statten gehen.“

Die Leute sahen einander an und zuckten die Achseln.

„Wir Spanier”, meinte der eine, den die Abzeichen eines Offiziers schmückten, „sind keine Wasserratten wie die Holländer und wissen daher mit dem Schiffsgerät nicht Bescheid, Der Fährmann wird daher seine Arbeit allein machen müssen.“

Der Abt drängte nun zum Einsteigen.

„Halt, so geht es nicht”, ries abwehrend der Schiffer, „Erst drei, dann vier, oder umgekehrt. Wir müssen zweimal fahren, da das übergroße Gewicht den Kahn zu tief in das Wasser drücken würde. Die Sandbank in der Mitte ist von Wasser bedeckt, und die Strömung treibt heftig darauf zu.”

„Unsinn,“ eiferte der Abt und stampfte zornig mit den Füßen. „Haben wir nicht schon zu zehn den Fluß überschritten? Warum sollen plötzlich sieben zuviel sein? Vorwärts, wir haben Eile, oder soll ich dir Beine machen?”

Der Fährmann unterdrückte einen Fluch. Da er keine weitere Verzögerung herbeiführen konnte, machte er sich ans Werk. Fünf Personen setzten sich auf die Bänke, während der Abt mit dem Offizier ans Vorderteil trat. Nach einer Weile wandte er sich um und rief: „Jan Robbart, hast du im Laufe des Nachmittags einen großen Mann in einem grauen Reitermantel und einem Schlapphut übergesetzt?”

„Gewiß, Herr,” entgegnete der Angeredete mit völliger Harmlosigkeit.

„Kurz ehe ihr kamet, stieg er ans andre Ufer.”

„Wohin hat er sich gewendet?”

„Ich meine, daß er nicht weit gekommen sein wird, denn er war sehr ermüdet.”

„Ich frage nicht, was du meinst, sondern was du gesehen hast.“

„Ach so! Er schlug die Richtung nach den Moordörfern ein. Vermutlich hat er dort Herberge gefunden.“

Während dieses Gesprächs hatte das Fahrzeug die gefährliche Stelle erreicht, um welche die Flut am lautesten rauschte. Der Fährmann stellte sich, als könne er das Fahrzeug nicht mehr meistern, tat einige ungeschickte Stöße und rief: „Vorsicht, ihr Herren, die Sandbank!“

In diesem Augenblick gabs einen kräftigen Ruck, daß die beiden Personen vorn umschlugen. Der Abt wäre beinahe in den Fluß gestürzt, wenn ihn der Offizier nicht zurückgerissen hätte; doch hatte er seine Priesterkappe verloren, die Iustig über die schaumigen Wellen hüpfte.

Es entstand eine große Verwirrung, da man anfangs meinte, der Boden sei geborsten. Die Leute überhäuften den Fährmann mit Scheltworten und drohten ihn mit Aufhängen. Aber er erwiderte gelassen: „Sagte ichs nicht zuvor, daß der Kahn zu tief gehe und die Fahrt wegen der Sandbank gefährlich sei? Tut ihr mir etwas zu Leide, so springe ich ins Wasser und überlass euch eurem Schicksal. Herr Abt, ihr wisset recht gut, daß ich nicht verpflichtet bin, solche Fahrten zu wagen.”

Der Offizier besann sich zuerst eines bessern und gebot Ruhe. Ihm schloß sich der Abt an, der pudelnaß geworden war und sich nach trockenen Kleidern sehnte. So redete man dem Fährmann gut zu. Da dieser seinen Zweck erreicht hatte, dem Flüchtling einen genügenden Vorsprung zu verschaffen, säumte er nicht länger und ruderte nach dem Lande. Dort lohnte man ihn ab. Sein Abschiedsgruß lautete anders als „Glück zur Reise!“ Es war gut, daß der Sturm heulte, so daß man die Worte nicht verstehen konnte.

Noch in keiner Nacht hatte Jan Robbart so guten Schlaf gefunden, wie nach diesen beiden Fahrten. Er war gewiß, daß er in der Rettung des Flüchtlings ein Werk getan hatte, welches Gott dem Herrn wohlgefiel.

Ein halbes Jahr ging ins Land. Da klopfte an einem frischen Märzmorgen ein Fahrgast an das Fenster des Fährmannshauses bei Löwenstein.

„Hollah, aufgemacht, Jan Robbart!” rief eine tiefe Männerstimme. „Bringet mich schnell über den Strom, denn meine Sache heischet Eile.“

„Geduldet euch eine Viertelstunde, Herr!” erklang von innen Frau Gritas Stimme. „Mein Mann schläft noch nach schwerem Nachtdienst. Der Fährknecht wird euch fahren!“

Der Fremde lächelte.

„So will ich euch einstweilen die Bibel übergeben, welche ich im letzten Herbste eurem Gatten als Fährlohn zugesagt hatte, als er mich vor den Verfolgern rettete. Ich habe darin die wichtigsten Stellen angezeichnet, die ihr miteinander nachlesen möget.“

Hei, wie fuhr bei diesen Worten der wackere Mann aus den Federn! Er hatte an der Stimme den Geusenboten erkannt. Eilig warf er den Pelzrock über, riegelte die Tür auf und rief „Tretet ein, Gesegneter des Herrn! Seid ihrs wirklich, wie ihr leibt und lebt? O, wie haben wir um euer Wohl gebangt! Um so größer ist meine Freude, daß ihr den Schurken entronnen seid, die ich am liebsten aus dem Grunde der Waal ersäuft hätte.“

„Halt, nicht so hitzig, mein Freund”, sagte milde der Angeredete. „Wenn auch jene unsere Feinde sind, so stehen sie, wie wir, in Gottes Hand. Leset in der Bibel, wie der Heiland über sie denkt: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.”

Bei diesen Worten zog er aus seinem Wams ein dickes, in gelbes Schweinsleder gebundenes Buch. Mit vielen Dankesworten nahm der Fährmann die kostbare Gabe entgegen, die Frau Grita sorgfältig in ein Tuch einschlug und in der Lade am Ofen verbarg. Während der erstere sich ankleidete, erzählte der Fremde von dem guten Fortgang der Sache des Geusenbundes. Er war an mehreren deutschen Fürstenhöfen jenseits des Rheins gewesen, und hatte sich ihres Beistandes versichert. Dann hatte er das ganze Land vom Zuidersee bis zur Waal bereist, um sich von der Bereitschaft der Waffenbrüder zu überzeugen. So war nur noch Nordbrabant mit den Inseln übrig. Diesen Gebieten galt die nächste

Arbeit. Er schloß mit den Worten: „Unsre Sache ist des Herrn, drum bin ich gewiß, daß er unsre Waffen segnen wird. Er hat unsre Gebete erhört. Nicht mehr lange wirds währen, dann ist Holland ein freies Reich nach innen und nach außen.“

Der Fährmann entgegnete: „Gar oft habe ich an den schönen Spruch gedacht, den ihr mir damals im Kahne gesagt hattet, und mich daran erquickt. Er handelte von dem Gott, welcher einen Augenblick sein Antlitz verbirgt, um hernach den Seinigen desto größere Gnade und Barmherzigkeit zu erzeigen. O wie gern will ich in dem teuren Buche lesen! — Aber nun kommt! Ich bin bereit.“

Als der Kahn das Wasser durchschnitt, sagte der Fremde: „Eine frohe Botschaft darf ich euch vermelden. Ich habe euer Patenkind, die kleine Marianne Hausden, gesehen. Sie hat mit ihrer Mutter und den andern Geschwistern eine Zuflucht auf der Burg des mächtigen Grafen von Brederoda gefunden, welcher vielen Flüchtlingen Schutz und Herberge gewährt. Auch euer Freund und sein Sohn befinden sich erträglich. Sie sehen voll Hoffnung der Stunde entgegen, in welcher der große Freiheitskampf auch ihre Fesseln brechen wird.“

Diese Kunde gab dem Schiffer doppelte Kraft. Mit starken Stößen bohrte er das Ruder in den Grund, daß das Wasser vorn am Bug hoch aufrauschte. Ringsum hoben und senkten sich die Nebel, über denen der glühende Sonnenball leuchtete. Bald wogte der ganze Waalfluß von purpurnen Fluten, als strömte in ihm lichtes Gold. Der Geusenbote schaute bewegt auf das entzückende Bild. Ströme von Blut mußten noch fließen, ehe der Sieg und die Unabhängigkeit errungen waren; aber die großen Opfer sollten nicht vergeblich gebracht sein. Wie die Sonne die Nebel niederzwang, so sollte das Licht des Evangeliums allen Aberglauben und Irrtum überwinden. Begeistert rief sein Mund aus: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein: Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich!” (Ps. 126.)

Ehrerbietig hatte Jan Robbart diesem Prophetenworte des Psalmisten gelauscht. Als der Kahn an das Land stieß, ergriff er des Fährgastes Hand und sprach: „Als ihr das erste Mal an mein Haus klopftet, batet ihr mich um eine Wohltat. Ich tat sie widerstrebend. Nun seid ihr mein Wohltäter geworden, indem ihr mich das lautere Gotteswort kennen lehrtet. Lasset mich daher euern Namen wissen, damit ich ihm allezeit dankbar in meinem Herzen bewahre.“

„Ich heiße Philipp Baron von Marnix und bin der Waffenbruder des edlen Prinzen von Oranien. Damit ihr den Namen nicht vergesset, so habe ich ihn in die Bibel geschrieben, die ich euch brachte. Nun lebt wohl und denket an mich, wenn ihr Kanonendonner und Waffenklirren höret. Das ist das Lied der Freiheit des Vaterlandes!”

Mit diesen Worten schied er. Lange schaute ihm Jan Robbart mit gefalteten Händen nach.

Die nächste Woche brachte ein fröhliches Osterfest. Am 1. April nahmen die Geusen den Spaniern durch einen kühnen Handstreich die Festung Briel an der Nordsee und gaben dadurch das Zeichen zum Aufstande im ganzen Lande. Im Fluge eroberten sie ein Gebiet nach dem andern, so daß die Feinde zuletzt nur noch Middelburg und Amsterdam behielten. Zugleich wurde Prinz Wilhelm von Oranien zum Regenten ausgerufen. Mit Schmach und Schande mußten die Spanier abziehen, nachdem sie mehr als zwanzig Jahre lang durch unerhörte Gräuel die Lehre der Reformation auszurotten getrachtet hatten. Allerdings mußten die tapfern Niederländer noch manches Mal das Schwert zur Verteidigung der Freiheit ziehen; aber immer blieben sie siegreich. Im Jahre 1579 schlossen die Niederländischen Provinzen die Union zu Utrecht, die ihrem Staatswesen eine feste Grundlage gab.

Das Fährmannshaus bei Löwenstein hielt noch manches Jahrzehnt wider Sturm und Wetter stand. Sein bester Schatz blieb die Bibel des Geusenboten, dessen Andenken allezeit in Ehren gehalten wurde, als eines Gottgesandten, dem die Familie das köstliche Kleinod evangelischen Glaubens verdankte.