5. april 2021

Das schöne Osterei

Ostern ist uns heute nicht denkbar ohne Ostereier, womit wir die Vorstellung von gefärbten Hühnereiern verbinden, auch wenn diese Ostereier für viele nur noch aus Schokolade oder Zucker bestehen. Das Osterei spielte einst im Osterbrauchtum eine herausragende Rolle.

Das Ei, ein tropfenförmiges Oval ohne Anfang und Ende, ist ein kleiner Kosmos für sich, mit Himmelsgewölbe festem und flüssigem. Wie abgezirkelt befindet sich darin das Runde des Eigelbs und in ihm wieder die Keimscheibe. In dieser Scheibenform sahen die alten Religionen die Geburtsstätte alles Lebendigen. Das Eidotter wurde mit der Sonnenscheibe verglichen.

Zunächst ist das Ei starr und unbeweglich, vergleichbar mit einem Stein. Jedoch plötzlich löst sich zappelndes Leben aus ihm.

Das Ei wurde zum Sinnbild der Schöpfung. Die Schöpfungsmythen vieler Völker erzählen vom Weltenei.

Neben anderen bedeutsamen Speisen befindet sich heute noch ein Ei auf der jüdischen Passahschüssel. Die Überlieferung besagt, dass das Ei in der Passahnacht, die auch als die Schöpfungsnacht gedeutet wird, die Gedanken der Frommen auf den Anfang und Urheber allen Lebens lenken soll. Im Buch Genesis 1,1 heißt es: „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern“, oder genauer übersetzt: „Der Geist Gottes brütete über den Wassern“.

Bei Ausgrabungen fand man in vielen alten Gräbern natürliche und auch künstliche Eier als Grabbeigabe. Das Innere der Eihöhle wurde als Wiege neuen Lebens gesehen, seine Schale aber als Sarg und Grabkammer gedeutet.

Die frühe Kirche fand das Ei bereits im Leben und Denken, in Sitte und Brauch der Völker vor.

Mit dem Gedanken Christus ist das Inbild des Kosmos, also dienen alle Geschöpfe, alle geschaffenen Dinge ihm, stellte die Kirche das Ei in den Dienst der Verkündigung. Es wurde zum Symbol der Auferstehung Christi und des Christen.

„Gleich einem Ei springt das Grab auf“ sagte der syrische Kirchenlehrer Ephraim im 4. Jahrhundert. Und ein alter Ostereivers lautete: „Wie der Vogel aus dem Nest gekrochen, hat Jesus Christus das Grab zerbrochen.“ Die bildhafte Deutung wurde folgendermaßen erweitert und ausgelegt: Die harte Eierschale wurde mit dem Alten Testament verglichen, das Eiweiß mit dem Neuen Testament und das Eigelb, in dem auf unbegreifliche Weise neues Leben entsteht und von dem aus die ganze alte Form gesprengt wird, mit dem aus dem Grabe auferstandenen Christus.

Das eigentliche Osterei ist ein rotes Ei. Rot, das ist die „schöne“ Farbe. Alle anderen Farben sollten das Rot des Eies nur erhöhen. Die rote Farbe soll hier auf das Blut Christi hinweisen, das den Gläubigen von Sünde und Schuld freimacht. Noch vor dem Rot rangierte einst das Gold als Zeichen des göttlichen Lichtes.

Der Barockprediger Andreas Strobl, der in seinen Osterpredigten wiederholt von den Osterbräuchen seiner Zeit berichtet, beschreibt ein goldfarbenes „Oster-Ayr“. Auf der einen Seite dieses Eies war die Auferstehung Christi abgebildet, auf der anderen Seite ein Täublein mit einem grünen Ölzweig. In alten christlichen Kunstwerken finden wir das Eizeichen in Form einer Lichtgloriole, in der Christus gleichsam wie im Goldei der Urschöpfung thront. (Abb.1).

Als symbolisches Zeichen des verschlossenen Grabes und der Auferstehung Christi spielte die mittelalterliche Kirche im Ostergottesdienst mit den Eiern ein liturgisches Spiel. Da Hühnereier zu klein waren, nahm man dazu Straußeneier, die zuvor kostbar gefasst oder mit biblischen Bildern aus dem Passions- und Osterbericht graviert wurden.

Im 17. und 18. Jahrhundert liebte man es sich mit sogenannten Ostereierbildchen zu beschenken. Darunter versteht man kleine Andachtsbilder für das Gebetbuch, die mit christlichen Sinnbildern der Erlösung versehen sind.

Abbildung 2 zeigt eine Collage, wohl eine Klosterarbeit aus dem 19. Jahrhundert. Das Lamm Christi steht mit der Siegesfahne auf dem roten Osterei, das das Christustrigramm IHS zeigt. Leider gingen hier die Buchstaben I und S im Laufe der Zeit verloren.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten Ostereier zu schmücken. Heute noch gibt es Gegenden, in denen es Menschen, vor allem Frauen, verstehen Eier wunderbar zu verzieren.

In Deutschland z. B. bei den Sorben in der Lausitz und in Hessen in der Gegend um Marburg. Besonders schöne Eier werden in Tschechien, Polen, Ungarn und in der Ukraine verziert.

Abbildung 3 zeigt gebatikte Ostereier aus Südwest-Ungarn und Abbildung 4 bemalte Eier aus Mezököveszd in Nordost-Ungarn, einem Ort, der durch seine Stickereien weltbekannt wurde. Aus Litauen stammen die gefärbten und dann mit farbigen Wachsornamenten verzierten Eier (Abb. 5).

Eine alte Ostergrußkarte zeigt gebatikte Eier aus der Ukraine (Abb. 6).

Aus Russland stammt die Korrespondenzkarte, geschrieben 1901, die auf dem Ei die kyrillischen Buchstaben XB für (Hristos woskresse) = Christus ist auferstanden zeigt (Abb. 7).

Schließen möchte ich heute mit der Reproduktion eines Scherenschnittes samt Gedicht der Künstlerin und Schriftstellerin Ruth Schaumann (1899-1975), das 1946 in ihrem Büchlein „Kleine Schwarzkunst“ veröffentlicht wurde (Abb. 8).

Sigrid Nagy